 Acquacotta (Foto: E.Christmann)
|  Bratwurst in Gemüsegarnitur (Foto: E.Christmann) |
Grosseto (Terra Italia) – Der Name “Agriturismo” könnte dazu verleiten, an einfache Bauernunterkünfte zu denken. Mitnichten! Die meisten Agriturismen verfügen über den gleichen Komfort wie Hotels, sind aber von rustikalem Charme und häufig stammen die verwendeten Lebensmittel und Weine aus eigener Produktion, was Frische und Schmackhaftigkeit garantiert. Oft kochen die Hausherrinnen und kümmern sich um das Wohlergehen der Gäste, während die Männer mehr für die landwirtschaftlichen Bereiche, besonders Wein und Olivenöl, zuständig sind.
Unsere Reise beginnt im Alberese-Gebiet, wo die Maremma-Rinder beheimatet sind. Im Agriturismo Allegro Alberese (E-Mail:argispa.@supereva.it) kann man beim Genuss der Speisen wirklich “allegro”-fröhlich werden. Crostini, Tortelli - mit Ricotta gefüllte Teigtaschen und Fleischsauce, eine malerisch, in buntem Gemüse angeordnete, deftige Bratwurst, dann Zickel, Wildschwein mit wildem Zicchorie, da bleibt wenig Platz für die kunstvollen Gebäcksorten, die zum Teil aus jüdischen Rezeptbüchern des nahe gelegenen Pitigliano stammen. Daniela Bettiol verrät bereitwillig die Zubereitung, ihr Mann Miraldo leistet den Gästen am langen Tisch neben dem Kamin Gesellschaft. In drei Appartements und zwei Zimmern kann man übernachten.
Romantik kommt auf im Stella Blu (www.stellablu.net), ganz in der Nähe des Naturparks der Maremma. Auf der Terrasse blühen Rosen und im Herbst reifen die roten Früchte des Erdbeerbaumes. Sehr geschmackvoll eingerichtete Zimmer im toskanischen Landhausstil. Und was die tüchtige junge Frau an Häppchen für die Weinprobe auf den Tisch zaubert, lässt das Wasser im Mund zergehen, z.B. gebratene Polenta mit Steinpilzen. Ihre Freundin kredenzt dabei den Morellino di Scanzano (Azienda agraria Motta). Ihr Schwung und Elan verbreitet eine heitere Atmosphäre in der kleinen, aber feinen Unterkunft.
Das Gelände des Agriturismo Il Marruchetone (Tel.: 39 0564 401001) dagegen ist riesig (bei Übernachtungsmöglichkeit für etwa 20 Personen). Jahrhunderte alte Olivenbäume, eine alte Ölmühle, eine historische Zisterne, eine Ausstellung landwirtschaftlicher Geräte, Esel und Reitpferde. Hier schmeckten mir besonders die Tagliolini, lange, dünne Nudeln mit Kichererbsencreme. Knackig frisch der für die Toskana typische Pinzimonio, Karotten, Stangensellerie, etc. werden in selbst hergestellter Vinaigrette gedippt. Crostata (Kuchen aus Mürbeteig mit Marmelade) und Tonzetti (knuspriges Gebäck mit Nüssen) in Vin santo sind typische Desserts der Region.
Über den Weinort Scansano gelangen wir nach Pomonte, wo große Schafsherden entlang der Straße uns schon auf die Herstellung des Pecorino in der Azienda Agrituristica I Gretacci ( www.casacarlucci.it) hinweisen. Da wird Käse zum Kult. Auf langen Holzregalen lagern die runden Produkte, die mit Kastanienhonig bestrichen köstlich schmecken. Trüffel, Safran, Peperoncino, Nüsse und Pfeffer verfeinern den Geschmack. Auch eine Melkanlage für 24 Kühe gehört zum Betrieb. Dazu ein Schwimmbad, auf das die Gäste vom Frühstückstisch herabblicken, während der Blick zu den Hügeln mit den Schafsherden schweift.
Im Agriturismo Aia della Colonna Roccalbegna (www.laltramaremma.it/aiadellacolonna) lernen wir dann mit der Acquacotta (wörtlich: gekochtes Wasser) die orttypische Gemüsesuppe mit darüber geschlagenem Spiegelei kennen. Im Backofen brutzelt derweil das Spanferkel zum knusprigen Braten, während der Weißwein das Lamm verfeinert. Der in Eier und Mehl gewälzte Blumenkohl, auf Tomatencreme serviert, passt gut dazu. Lattaiolo als Nachtisch, Milch – im Backofen gekocht – erinnert ein wenig an Creme Caramel. Die ganze Atmosphäre ist stilvoll, antikes Mobiliar kontrastiert mit einer kunstvollen Lampe des Designers Ingo Maurer. Auch die Zimmer sind edel. Die Dame des Hauses ist selber Künstlerin. Ihre Werke können in der Keramikwerkstatt erworben werden. Dem nicht genug. Auf der Höhe des Hügels kann man bei herrlicher Aussicht einige Prachtexemplare der Schweinerasse „cinta denese“ bewundern, deren wohlschmeckender Schinken auch auf dem Salone di Gusto in Turin vertreten war.
Wer hätte gedacht, dass wir in der Tiefe des Waldes von Scansano auf eine Nord-Süd-Liebesgeschichte stoßen würde? Hildegard verließ nach einem Urlaub ihre Heimat und bewirtschaftet nun mit ihrem Mann Loredano den Agriturismo Fantone di Scansano (www.fantone.it). Ihre Kochkünste und ihre Tüchtigkeit sind im ganzen Umkreis Legende. Pfannkuchen aus Esskastanienmehl, gefüllt mit Porree und Ricotta, Hasenfleisch in der Eintopfsuppe, Hirschbraten, letztere Zutaten vom Gatten selbst erlegt. Für Naturliebhaber ein phantastisches Gelände mit Wild, Schweine-, Schaf- und Ziegenzucht, Olivenhainen, Wanderwegen und der Möglichkeit, mit Loredano auf die Pirsch zu gehen. Sehr schön die Verwendung von Naturhölzern, die gepflegte Atmosphäre in den Zimmern, Bar, ausgelagerter Weinkeller, also alles in allem wirklich etwas Besonderes für den, der die Abgelegenheit nicht scheut.
Ein atemberaubender Rundblick vom Agriturismo Rotrecine di Monticello Amiata (www.agrirotrecine.it), elegant eingerichtete Wohnungen, wo man selber kochen kann. Ein Kürbis-Risotto, in der Frucht mit Salbeiblättern serviert, erfreut das Auge. Im Agriturismo Cherzo (www.cherzo.it) überrascht uns am Abend eine beleuchtete Garibaldi-Figur. Auch die Appartements lassen Sammelleidenschaft erkennen. Gleich in der Nähe winkt eine lohnenswerte Weinprobe mit prämierten Weinen und kleinen Häppchen auf der Azienda Agricola e Agrituristica Parmoleto (E-Mail: duiliosodi@libero.it), die ich bei Voranmeldung wärmstens empfehlen kann.
Kuschelatmosphäre im Agriturismo Sant’Anna mit schönem Garten und Schwimmbad. Hier kann man viele Orts typische Produkte erwerben: Olivenöl, Wein, Honig, Marmeladen, in Öl eingelegtes Gemüse. Die Besitzer sind sehr herzlich und die wohlschmeckenden Gerichte wie z.B. hausgemachte Nudeln (pappardelle) mit Wildschweinragout kann man gemütlich mit Blick auf den Kamin verzehren.
Besonders für Familien mit Kindern eignet sich die neue Anlage Le Giare a Roselle (www.agriturismolegiare.it) mit Spielplatz und Schwimmbad. Natürlich kann man in den gut eingerichteten, wie Reihenhäuschen angelegten Appartements selber kochen, aber vielleicht kosten Sie einmal die duftende Spargelcremesuppe, die Tagliatelle mit den Steinpilzen oder das Kaninchen nach Art des Hauses mit im Backofen gegartem Kürbis und Spinat.
Dolce Far Niente verspricht die Hotelanlage Podere Riparbella (www. riparbella.com), die nach ökologischen Gesichtspunkten betrieben wird – mit Sonnenenergie, naturbelassenen Möbeln, Müsli und selbst produzierten Heilkräutertees am Morgen, Weinkeller, alles gut organisiert bis hin zu ausgearbeiteten Wanderwegen nach Massa Marittima, wo Altstadt, Kunst und Kultur den Besucher erwarten. Kürbiscremesuppe und mit Ricotta gefüllte Gnocchi auf einem Spinatbett lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Ganz in der Nähe im Tal beim Belvedere Country House habe ich mich besonders wohl gefühlt. Die jungen Besitzer haben die Appartements ausgesprochen liebevoll gestaltet, zum Teil bei der Bemalung auch selbst (geschickte) Hand angelegt. Eigener Wein-, Olivenbaum- und Viehbestand sind eine gute Grundlage für die ungewöhnlichen Rezepte. Gersten- und Brennesselsuppe, Pappardelle mit Hasenfleischsauce, Fenchel mit Backpflaumen und Wacholderbeeren und Ricotta mit Feigenkompott sind einfach umwerfend gut. Geht man durch die Felder zu den Pferchen mit Esel und Rindern, fühlt man sich der Natur sehr nahe, so, als befände man sich an einem fast meditativem Ort. Hierhin würde ich mich gerne zurückziehen, um ein Buch zu schreiben oder einfach nur die Seele baumeln zu lassen.
Die Maremma ist eine wundervolle Gegend, die mit Natur- und Kunstschätzen reich gesegnet ist und deren Gastfreundlichkeit und kulinarische Köstlichkeiten den Urlaub am Meer und im Landesinneren zu einem wahren Genuss werden lassen.
Info:
www.agriturismoverde.com
www.lamaremma.info
 Weinprobe im Stella Blu (Foto: E.Christmann)
|  Kürbisrisotto (Foto: E.Christmann) |